陟岵
Anonymous (Shijing)
陟彼岵兮,瞻望父兮。 父曰:嗟予子行役,夙夜無已。 上慎旃哉,猶來無止。 陟彼屺兮,瞻望母兮。 母曰:嗟予季行役,夙夜無寐。 上慎旃哉,猶來無棄。 陟彼岡兮,瞻望兄兮。 兄曰:嗟予弟行役,夙夜必偕。 上慎旃哉,猶來無死。
Des Kriegers Sehnsucht nach der Heimath Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 81f.
Ich stieg den hohen Berg hinan, Und schaute weit hinaus, Und wie mein Herz nur Heimath sann, Mein Blick sah nach des Vaters Haus. Ich hört' ihn sagen: Lieber Sohn, Geht denn zu Ende nie der Krieg? Wann kehrst du nach dem Sieg Zu uns zurück mit Ehr' und Lohn, Eh' mir des Todes Pfeile drohn? Den wald'gen Berg hinan ich klomm, Hab' mich hinweg gesehnt, Ach, nach der Mutter, die so fromm, Da ward mein Auge heißbethränt. Die Mutter hört' ich sagen: Kind! Geht nie zu Ende deine Pein? Wird nie der Herr dir gnädig sein? Sei Tag und Nacht nur deß' gesinnt, Wie man den Weg nach Haus gewinnt. Hoch auf dem kahlen Berg ich stand, Sah in den weiten Raum, Wo frei noch von des Dienstes Band Mein Bruder wandelt unter manchem Baum. Ich hört’ ihn sagen: Bruderherz! Was kürzet deine Diensteszeit? Wenn stets du bist zum Dienst bereit, Dann stirbst du nicht vor Heimwehschmerz.
Der junge Krieger Max Fleischer (1880–1942)
— in: Fleischer, Max. Der Porzellanpavillon. Nachdichtungen chinesischer Lyrik. Berlin, Wien, Leipzig: Paul Zsolnay Verlag, 1927. p. 53f.
Ich stieg auf die kahle Bergeshöh und laß meine Augen schweifen. Das Pünktchen, das ich dort unten seh, ist mein Vaterhaus, und dieser Streifen der Weg, der mich zu ihm brächte. Ich höhre seine Stimme. Sie ist voll Leid. "Mein Sohn steht im Gefechte. Jetzt liegt er vielleicht im Feld auf der Wacht, hat keine Ruh bei Tag und bei Nacht; doch, wenn er treu ist, weiß er: Es lohnt sich kindliche Liebe. Er zögert nicht lang und findet dahin, wo sein Vater wohnt. Kindchen, ist dir nicht bang?" Ich stieg auf die grüne Bergeshöh und schick meine Augen zu Tale. Das Bildchen, das ich dort unten seh, die blanke silberne Schale, ist der Teich in unserem Garten. Meine Mutter gießt die Beete und spricht: "Wie lang noch sollen wir warten? Ist dieser schlimme Krieg nicht bald aus? Herzblättchen, kommst du noch nicht nach Haus? Tags keine Ruhe, nachts keinen Schlaf! Schleich dich davon! Der Kaiser hat mehr Männer als einen. Du warst doch sonst brav. Kindchen, sehnt's dich nicht her?" Ich stieg auf den steilen Felsengrat. Was glänzt dort unten wie Seide? Das gelbe Fleckchen ist meine Saat. Wer bringt unter Dach das Getreide? Überreif strotzt es von Fäulen. Mein älterer Bruder brummt in den Bart, verärgert neben den Gäulen. Sie nicken zu dem, was er murmelnd spricht. Er sagt: "Mein Bruder vergißt seine Pflicht. Die Eltern sind alt. Wir haben kein Brot. Was säumst du, dem unsere Sorge galt? Treibt dich dein Herz nicht, so ruf dich die Not! Brüderchen, kommst du nicht bald?"
Der junge Krieger Hans Heilmann (1859–1930)
— in: Heilmann, Hans. Chinesische Lyrik vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart, Die Fruchtschale. München, Leipzig: R. Piper & Co., 1905. p. 1f.
Gestiegen bin ich auf die kahle Bergeshöh. Ich hebe die Augen und seh in die Ferne, wo mein Vater wohnt. Ach, mir ist, als höre ich seine Stimme klagen: Weh, mein Sohn ist hinausgezogen in den Krieg! Tag und Nacht gibt es für ihn keine Ruhe; Wenn er klug und verständig ist, Dann sucht er heimzugehen und zögert nicht. Gestiegen bin ich auf die grüne Bergeshöh. Ich hebe die Augen und seh in die Ferne, wo meine Mutter wohnt. Ach, mir ist, als höre ich ihre Stimme klagen: Weh, mein Sohn ist hinausgezogen in den Krieg! Tag und Nacht hat er nicht Ruhe und Schlaf; Aber wenn er achtsam ist und die Gelegenheit erfaßt, Dann könnte er heimkehren und brauchte nicht uns fern zu bleiben! Gestiegen bin ich auf den steilen Grat. Ich hebe die Augen und seh in die Ferne, wo mein älterer Bruder wohnt. Ach, mir ist, als höre ich seine Stimme klagen: Weh, mein junger Bruder vergißt im Dienst des Kaisers seine Pflicht! Tag und Nacht müht er draußen sich ab. Vor allem muß er an die Heimkehr denken, Er darf nicht in der Ferne bleiben und sterben!
Heimweh des jungen Soldaten Vincenz Hundhausen (1878–1955)
— in: Hundhausen, Vincenz. Chinesische Dichter in deutscher Sprache. Peking, Leipzig: Pekinger Verlag, 1926. p. 126.
Diesen Berg hab ich erstiegen, Der bedeckt mit Bäumen ragt. – Nach des Vaters Hause fliegen Die Gedanken, und er sagt: "Ach, mein armer Sohn, so ferne Dient er ruhelos im Heere! Daß er doch sich hüten lerne Und gesund uns wiederkehre!" Diesen Berg hab ich erstiegen, Der mit kahlem Gipfel ragt. – Nach der Mutter Hause fliegen Die Gedanken, und sie sagt: "Ach, mein jüngster Sohn, so ferne Dient er schlummerlos im Heere! Daß er doch sich hüten lerne Und uns lebend wiederkehre!" Diesen Berg hab ich erstiegen, Der mit breiter Kuppe ragt. – Nach des Bruders Hause fliegen Die Gedanken, und er sagt: "Ach, mein junger Bruder, ferne Dient mit Fremden er im Heere! Daß er doch sich hüten lerne Und zur Heimat wiederkehre!"
Heimweh Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Roscher, Achim (ed.). Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden. Berlin: Verlag der Nation, 1965. p. 16.
Ich habe mein Haupt gesetzt auf das Anlitz der Berge, Nicht reichen die Augen, zu fühlen die Ferne, Wo, Vater, du wohnst. Unter dem Abglanz kalt flimmernder Sterne Klagt seine Stimme: "Mein Sohn ist im Krieg, Nicht Tag, nicht Nacht schenkt ihm den Schlaf, Die süße Gottesruh. Sei brav Und wandre nur zu. Zu uns!" Ich habe mein Haupt gesetzt auf das Anlitz der Berge, Nicht reichen die Augen, zu fühlen die Ferne, Wo, Mutter, du wohnst. Unter dem Irrglanz ins Nichts stürzender Sterne Klagt ihre Stimme: "Mein Sohn ist im Krieg, Feuer und Wasser und Feinde und Sieg Tuet ihm nichts! Kehr heim aus dem Krieg, Sei klug und komme zu uns!" Ich habe mein Haupt gesetzt auf das Anlitz der Berge, Es brechen die Augen, zu weit ist die Ferne, Wo, Bruder, du wohnst. Unter dem Feuer der feindlichen Sterne Klagt seine Stimme: "O Bruder im Krieg, Vergiß den Kaiser, sei du mir weiser, Uns zu leben ist deine Pflicht, Die Heimkehr, und nicht: in der Ferne zu sterben."
Des Kriegers Heimblick Friedrich Rückert (1788–1866)
Auf den steilen Berg bin ich gestiegen, Habe dort hinaus geblickt, Wo ich weiß das Haus des Vaters liegen, Und mein Geist war hingerückt. Meinen Vater hört' ich reden: Ach mein Sohn! Enden niemals diese Fehden? Kehrst du nie mir heim mit Ehr' und Lohn? Kehr', eh ich mir jeden Lezten Odem seh' im Gram entflohn. Auf den wald'gen Berg bin ich geklommen, Habe dort hinaus geschaut, Wo der Mutter Hütte steht, der frommen, Und mein Auge hat gethaut, meine Mutter hört' ich sagen: Ach mein Kind! Enden niemals deine Plagen? Lohnt der Herr nie ab sein treu Gesind? Streb' in Nächt' und Tagen Nur aus das, wie du mir kehrst geschwind! Auf dem kahlen Berg bin ich gestanden, Habe dort hinaus gesehn, Wo mein Bruder ohne Dienstes Banden Darf in freien Schatten gehn. Meinen Bruder hört' ich sprechen: Bruder ach! Was kann deine Fesseln brechen? Steter Diensteseifer allzeit wach. Laß den Muth nicht schwächen! Sterben wirst du nicht im Ungemach.
"Ich bin auf den Berg ohne Grün gestiegen" Adolph Schulze
— in: Rheden, Peter (ed.). Chinesisch-deutsche Gedichte. Eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen. Zweiter Teil: Zweites ausführliches Literaturverzeichnis – Mit Zitaten zu den Kapiteln: Chinesische Poesie, Literatur, Kultur, Gymnasial-Programm-Abhandlung aus dem XXIX. Jahresbericht des f.b. Vinzentinums in Brixen, Südtirol. Brixen: Verlag des f. b. Vinzentinums, 1904. p. 38.
Ich bin auf den Berg ohne grün gestiegen, Um nach meinem Vater auszuschauen; Mir war's, als hört' ich ihn seufzen: Mein Sohn ist bei den Soldaten Tag und Nacht, Doch er ist klug, er wird vielleicht noch Ein Mittel finden, sich los zu machen. Ich bin auf den grünenden Berg gestiegen, Um nach meiner Mutter auszuschauen; Mir war's, als hört' ich sie seufzen: Mein jüngster Sohn ist bei den Soldaten, Er kann weder schlafen Bei Tag noch bei Nacht; Doch er ist klug, er wird vielleicht noch Heimkehren, ohne seine Glieder dort zu lassen. Ich habe den Berg bis zum Gipfel erstiegen, Um nach meinem älteren Bruder auszuschauen. Mir war's, als hört ich ihn seufzen: Mein jüngster Bruder ist bei den Soldaten, Tag und Nacht bei den Kameraden; – Doch er ist klug, er vielleicht noch Zurückkommen, ohne dort zu sterben.
Gedanken des jungen Kriegers an das Elternhaus Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Strauß, Victor von. Schi-king. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg: Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1880. p. 190.
Ich steig' hinan die kahlen Höh'n, Nach meinem Vater auszuseh'n. Der Vater sagt: Ach wehe mir, mein Sohn ging fort im Dienst, Muß Tag und Nacht sich rastlos treiben! O sorget' er vor allem nur, Zu kehren und nicht auszubleiben! Ich steig' hinan den Berg, den rauhen, Nach meiner Mutter auszuschauen, Die Mutter sagt: Ach wehe mir, mein Kind ging fort im Dienst, Muß Tag und Nacht dem Schlaf entsagen! O sorget' er vor allem nur, Zu kehren und nicht hinzuschlagen! Ich steig' hinan den Bergesrücken, Nach meinem Bruder auszublicken. Der Bruder sagt: Ach wehe mir, mein Bruder ging im Dienst, Wird Tag und Nacht hart mitgenommen! O sorget' er vor allem nur, Zu kehren und nicht umzukommen!