日月
Anonymous (Shijing)
日居月諸,照臨下土。
乃如之人兮,逝不古處。
胡能有定,寧不我顧。
日居月諸,下土是冒。
乃如之人兮,逝不相好。
胡能有定,寧不我報。
日居月諸,出自東方。
乃如之人兮,德音無良。
胡能有定,俾也可忘。
日居月諸,東方自出。
父兮母兮,畜我不卒。
胡能有定,報我不述。
Die ungeliebte Gattin, 3. "Mond und Sonne scheinen" Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 20.
Mond und Sonne scheinen
Heiter auf die Erde,
Warum hegt mein Gatte
Mich nicht an dem Heerde?
Nicht nach Väter Art,
Nicht nach Sitt' und Brauch,
Ist ihm meine Liebe lästig.
Sonn' und Mond bescheinen
Ihre Freundin Erde,
Doch auf mich der Gatte
Sieht nicht mit Luftgeberde.
Warum schließt er sein Aug'
Wenn ich auf ihn schau,
Ach mit Liebe gar so bange?
Sonn' und Mond erscheinen
An derselben Stelle,
Doch mein Gatte kehret
Sich von des Gesetzes Schwelle,
Unbeständig ist er stets
Und verschmäht mein Herz,
Nöthigt mich zu andrer Liebe.
Sonn' und Mond erheben
Sich stets gleicher Weise,
Warum hielten meine Aeltern
Mich nicht in des Hauses Kreise?
Warum gaben sie dem Gatten mich,
Der kein Schatten und kein Licht,
Und mit trüben Tiefen schwankt?
Die klagende Gattin Ernst Meier (1813–1866)
— in: Meier, Ernst. Morgenländische Anthologie. Klassische Dichtungen aus der sinesischen, indischen, persischen und hebräischen Literatur. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1875. p. 34f.
Sonn' und Mond mit ihrem Lichte
Machen hell die ganze Erde;
Aber dieser Mann verlässet
Unsrer Väter alte Sitte.
O wie kommt's, daß er, im Handeln
Also wandelbar und wankend,
Sich um mich gar nicht bekümmert?
Sonn' und Mond erquicken leuchtend
Diese unten ruh'nde Erde;
Doch mein Gatte, er verweigert's,
Freundlich mit mir zu verfahren.
Was denn wär' in seinem Wandel
Wankend nicht und immer wechselnd?
Warum ist er mir so unhold?
Sonn' und Mond mit ihrem Scheine
Gehn beständig auf in Osten.
Ach, was hielten meine Eltern
Mich zu Haus nicht lebenslänglich!
Jener Mann ist unbeständig,
Thut mir nie etwas zu Willen.
Der Ungetreue Elisabeth Oehler-Heimerdinger (1884–1955)
— in: Oehler-Heimerdinger, Elisabeth. Das Frauenherz. Chinesische Lieder aus drei Jahrtausenden. Leipzig: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1925. p. 43.
Sonnenschein und Mondesstrahl,
Die ihr scheint auf diese Erde,
Saht ihr solchen Mann einmal,
Der nicht alte Sitte ehrte?
Wird sein Sinn denn niemals fest,
Daß er mich so einsam läßt?
Sonnenschein und Mondesstrahl,
Die ihr diese Erde krönet,
Saht ihr solchen Mann einmal,
Der sich nimmermehr versöhnet?
Wird sein Sinn denn niemals fest,
Daß er mich ohn Liebe läßt?
Sonnenschein und Mondesstrahl,
Die im Osten sich erheben,
Saht ihr solchen Mann einmal:
Schöne Worte, schlechtes Leben?
Wird denn niemals fest sein Sinn,
Daß ich so vergesse bin?
Sonnenschein und Mondesstrahl,
Die im Osten sich entfalten,
Hättet ihr doch dazumal,
Vater, Mutter, mich behalten!
Wird sein Sinn denn niemals fest,
Daß er mich so leiden läßt?
Klage einer ungeliebten Gattin, 3. "Mond und Sonne strahlen Licht" Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Oehlke, Waldemar. Chinesische Lyrik und Sprichwörter. Bremen-Horn: Walter Dorn-Verlag, 1952. p. 18.
— in: Mehlig, Johannes (ed.). Stimmen des Orients: Arabische, persische, indische und chinesische Dichtungen. Leipzig: Insel-Verlag, 1965. p. 244f.
Mond und Sonne strahlen Licht
Nach der ihnen zugewandten Erde.
Warum hegt mein Gatte nicht
Liebreich mich an seines Hauses Herde?
Nicht der Väter Sitten ehrend
Und den Lauf der Welt verkehrend,
Meine Liebe hält er für Beschwerde.
Mond und Sonne geben Licht
Stets der Erde, die an ihnen hanget;
Doch der Gatte blicket nicht
Nach der Gattin, die nach ihm verlanget.
Kann mein Anblick ihn verdrießen,
Seine Augen zu verschließen
Vor der Liebe, die in meinen banget?
Mond und Sonne gehen auf
Jeden Tag von ihrem alten Orte.
Aber er hält nicht den Lauf
Der Natur und des Gesetzes Worte.
Nichts an ihm ist fest und ständig,
Und er macht mein Herz abwendig,
Umzuschaun nach einem andern Horte.
Mond und Sonn erheben sich
Immer aus derselben Himmelsgegend.
Warum haben die Eltern mich
Nicht bewahrt in ihrem Hause pflegend?
Haben mich vertraut dem Gatten,
Der kein Licht ist und kein Schatten,
Sondern schwankt, verworrne Trüben hegend.
— in: Mehlig, Johannes (ed.). Stimmen des Orients: Arabische, persische, indische und chinesische Dichtungen. Leipzig: Insel-Verlag, 1965. p. 244f.