黍離
Anonymous (Shijing)
彼黍離離,彼稷之苗。
行邁靡靡,中心搖搖。
知我者,謂我心憂。
不知我者,謂我何求。
悠悠蒼天,此何人哉。
彼黍離離,彼稷之穗。
行邁靡靡,中心如醉。
知我者,謂我心憂。
不知我者,謂我何求。
悠悠蒼天,此何人哉。
彼黍離離,彼稷之實。
行邁靡靡,中心如噎。
知我者,謂我心憂。
不知我者,謂我何求。
悠悠蒼天,此何人哉。
Klage um das Vaterland Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 55.
Die schweren Häupter senkt der Reis,
Die Hirse reift heran;
Mit schwerem Herzen durch ihr Gleis
So geh' ich ein betäubter Mann.
Wer mich kennt, weiß, was mein Herz beklagt,
Wer mich nicht kennt, was ich traure? fragt;
Du blauer Himmel über uns
Mit Sonn' und Sternenfunken,
Wie lange lässest du uns noch
In tiefes Leid versunken!
Die vollen Aehren senkt der Reis,
Die braune Hirse reift.
Nicht wird uns unsrer Mühe Preis,
Da Unheil nur die Sichel schleift.
Wer mich kennt, weiß, was mein Herz verzagt,
Wer mich nicht kennt, was mich plage? fragt.
Du blauer Himmel über uns
Mit Sonn' und Sternenfunken,
Wie lange lässest du uns noch
In tiefes Leid versunken!
Der Reis die reichen Spitzen neigt,
Die Hirse reift ihm nach.
Uns wird es nur zum Schein gezeigt,
Uns bleibt nur Weh und Ach.
Wer mich kennt, der weiß, was an mir nagt,
Wer mich nicht kennt, welcher Wahn mich schlage? fragt.
Du blauer Himmel über uns
Mit Sonn' und Sternenfunken,
Wie lange lässest du uns noch
In tiefes Leid versunken!
Klage um das Vaterland, 1. "Schweigend senkt der Reis die schweren Häupter" Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 82f.
— in: Mehlig, Johannes (ed.). Stimmen des Orients: Arabische, persische, indische und chinesische Dichtungen. Leipzig: Insel-Verlag, 1965. p. 246f.
Schweigend senkt der Reis die schweren Häupter,
Und die Hirse reift heran;
Doch dazwischen wank ich, ein Betäubter,
Der sein Herz nicht halten kann.
Wer mich kennt, der weiß, warum ich klage;
Wer mich nicht kennt, fragt, was ich im Kopfe trage?
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
Lässest du wie lange noch
Uns im Leid begraben!
Schweigend senkt der Reis die vollen Ähren,
Und die braune Hirse reift.
O des Segens, der uns nicht soll nähren,
Weil zur Sichel Unheil greift.
Wer mich kennt, der weiß, warum ich zage;
Wer mich nicht kennt, fragt, was mich Betörten plage?
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
Lässest du wie lange noch
Uns im Leid begraben!
Schweigend neigt der Reis die reichen Spitzen,
Und die Hirse reift ihm nach.
Wir genießen nicht, was wir besitzen;
In der Brust erstirbt mein Ach.
Wer mich kennt, der weiß, was an mir nage;
Wer mich nicht kennt, fragt, was für ein Wahn mich schlage?
O du blauer Himmel hoch
Über uns erhaben,
Lässest du wie lange noch
Uns im Leid begraben!
— in: Mehlig, Johannes (ed.). Stimmen des Orients: Arabische, persische, indische und chinesische Dichtungen. Leipzig: Insel-Verlag, 1965. p. 246f.
Die verödeten Stätten. Klage eines Großen Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Strauß, Victor von. Schi-king. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg: Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1880. p. 142f.
Da hängt die Hirse ährenschwer,
Die Opferhirse sproßt daneben.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen schütterndes Erbeben.
Und Jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre? –
Endloser, blauer Himmel du,
Durch wen, ach, kam es nur dazu?
Da hängt die Hirse ährenschwer,
Die Opferhirse hebt die Häupter.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen wie ein Weinbetäubter.
Und Jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre? –
Endloser blauer Himmel du,
Durch wen, ach, kam es nur dazu?
Da hängt die Hirse ährenschwer,
Der Opferhirse Korn wird trocken.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen wie als woll' es stocken.
Und Jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre?
Endloser blauer Himmel du,
Durch wen, ach, kam es nur dazu?