十月之交
Anonymous (Shijing)
十月之交,朔月辛卯。
日有食之,亦孔之醜。
彼月而微,此日而微。
今此下民,亦孔之哀。
日月告凶,不用其行。
四國無政,不用其良。
彼月而食,則維其常。
此日而食,于何不臧。
爗爗震電,不寧不令。
百川沸騰,山冢崒崩。
高岸為谷,深谷為陵。
哀今之人,胡憯莫懲。
皇父卿士,番維司徒。
家伯維宰,仲允膳夫。
棸子內史,蹶維趣馬。
楀維師氏,豔妻煽方處。
抑此皇父,豈曰不時。
胡為我作,不即我謀。
徹我牆屋,田卒汙萊。
曰予不戕,禮則然矣。
皇父孔聖,作都于向。
擇三有事,亶侯多藏。
不憖遺一老,俾守我王。
擇有車馬,以居徂向。
黽勉從事,不敢告勞。
無罪無辜,讒口嚻嚻。
下民之孽,匪降自天。
噂沓背憎,職競由人。
悠悠我里,亦孔之痗。
四方有羨,我獨居憂。
民莫不逸,我獨不敢休。
天命不徹,我不敢傚我友自逸。
Auflösung Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 146f.
Am ersten Tag des zehnten Mond's
Ward Sonn' und Mond verfinstert,
Bedeut' es Reichen was es will,
Den Armen doch nichts Gutes.
Es leuchten Sonn' und Mond nicht mehr,
Gebricht's an Kraft, an Willen?
Schlecht ist fürwahr das Regiment,
Die Guten sind unthätig.
Es zischt der Blitz, der Donner kracht,
Der Himmel schreckt die Bösen;
Die Flüsse treten rauschend aus,
Die Berg’ in Thäler stürzen.
Und wo der Berg erniedrigt ward,
Das Thal sich stolz erhöhte.
Was nutzt es? dies Geschlecht ist schlimm,
Und will sich nicht bekehren.
Hoang-Fu wacht ob der Polizei,
Fan ob den Wissenschaften;
Die Zölle all' Kia-Pe besorgt,
Tschon-Yün des Kaisers Küch' und Keller.
Tsiu-Tsee der erste Richter ist,
Und Kuei der erste Reiter;
Doch herrscht Pao-See, das schöne Weib
Den Allen ob, drum geht das Reich zu Grunde.
Zerrüttung Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Rückert, Friedrich. Schi-king. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet von Friedrich Rückert. Altona: J. F. Hammerich, 1833. p. 210.
Im zehnten Mond, am ersten Monatstag
Hat sich der Mond verfinstert und die Sonne.
Was es den’ Herrn bedeuten mag,
Dem armen Mann bedeutet’s keine Wonne.
Der Mond, die Sonne thun nicht mehr ihr Amt,
Ob’s an der Luft ob’s ihnen fehlt an Kräften?
Schlecht wird geführt das Reich gesammt,
Man braucht die Guten nicht zu den Geschäften.
Die Blitze flammen und der Donner kracht,
Des Himmels Schrecken läßt nicht ruhn die Bösen;
Die Ufer bricht der Ströme Macht,
Und Berge stürzen ein von innern Stößen.
Das Hochland wird hinabgedrückt zum Thal,
Zum Hochland blähen sich empor die Thäler.
Doch dieß Geschlecht ist alzumal
Verstockt, und will nicht Beßrung seiner Fehler.
Die Polizei des Reiches lenkt Hoang-Fu,
Fan ist des Wissenschaftenfachs Besteller;
Kia-Pe, der Zölle waltest du;
Tschong-Yün besorgt des Kaisers Küch’ und Keller.
Des Rechtes höchste Pflege führt Tsiu-Tsee,
Kuei ist der Oberste von allen Reitern;
Doch über alle herrscht Pao-See,
Das schöne Weib, durch die das Reich geht scheitern.
Schlimme Zeichen und Zeiten Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Strauß, Victor von. Schi-king. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg: Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1880. p. 313-315.
Bei zehnten Monats Conjunction,
Am ersten Tag, Sin mào genannt,
Ward weggezehrt der Sonne Schein,
Zum bösen Zeichen für das Land.
Dort war der Mond und wurde klein,
Hier war die Sonn’ und wurde klein;
Nun wird das Volk der Unthertanen
Erst bitter zu beklagen sein.
Unheil verkünden Sonn’ und Mond,
Die nicht mehr ihre Weise halten.
Im Reich ist nirgends Regiment,
Denn nicht die Guten läßt man walten.
War dort der Mond und wurde klein,
So ließ er’s darin nur beim Alten;
War hier die Sonn’ und wurde klein,
Wie übel muß sich’s dann gestalten!
Erdonnernd flammt der Blitze Wuth,
Und nichts bleibt ruhig, nichts bleibt gut.
Die Flüsse treten aus und toben,
Berghäupter stürzen hoch von oben,
Das hohe Ufer wird zum Thal,
Der Thalgrund wird zum Berg erhoben.
O weh’ den Menschen dieser Zeit!
Warum wird dem nichts vorgeschoben?
Nun ist Hoâng-fù der höchste Rath,
Der Fân ist Unterrichtsminister,
Kiā-pě administrirt den Staat,
Tschúng-jün, des Hofes Truchseß ist er;
Tsēu hat das Haussecretariat,
Der Kuéi das Marstallsamt zu führen;
Da Kiü der Garden Führung hat;
Nun kann das schöne Weib im Sichern schüren.
Wie darf doch dieser Hoâng-fù sagen,
Daß uns die Jahrszeit lasse frei?
Was darf er uns hinausentbieten,
Und zieht uns nicht zu Rath dabei?
Er hat uns Dach und Fach genommen,
Das Feld wird Sumpf und Wüstenei;
Da sagt er: „Ich thu’ euch kein Unrecht;
Der Brauch bestimmt, daß dem so sei.“
Hoâng-fù hat, außer Maaßen weise,
Sich Hiáng zur Residenz gemacht,
Und Drei gewählt zu Nachministern,
Bloß weil sie viel zu Kauf gebracht.
Nicht Einen mocht’ er lassen von den Alten,
Der unsres Königes gewacht.
Die Pferd’ und Wagen hielten, wählt er,
Daß sie zur Wohnung Hiáng gemacht.
Mit Eifer wartet’ ich des Dienstes,
Nicht meine Mühsal thu’ ich kund;
Doch ohne Fehl und unverschuldet
Verschwätzt mich der Verläumdung Mund.
Nun soll der Unterthanen Elend
Vom Himmel nicht gesendet sein.
Ja, Maulgeschwätz und Haß im Rücken
Trägt Streng’ und Ernst von Andern ein.
Weit abgelegen ist mein Ort,
Und sehr voll Unmuth bin ich dort.
Im ganzen Reich ist zur Genüge,
Und ich nur wohne kümmerlich.
Im Volk ist keiner, der nicht fei’re,
Nur ich nicht mag’ in Ruh zu setzen mich.
Des Himmels Rath ist nicht zu fassen;
Ich wage nicht den Freunden gleich dem Feiern mich zu überlassen.