慈烏夜啼
Bai Juyi 白居易 (772–846)
慈烏失其母,啞啞吐哀音。
晝夜不飛去,經年守故林。
夜夜夜半啼,聞者為沾襟。
聲中如告訴,未盡反哺心。
百鳥豈無母,爾獨哀怨深。
應是母慈重,使爾悲不任。
昔有吳起者,母歿喪不臨。
嗟哉斯徒輩,其心不如禽。
慈烏複慈烏,鳥中之曾參。
Nächtliche Klage einer Krähe Alfred Forke (1867–1944)
— in: Forke, Alfred. Dichtungen der Tang- und Sung-Zeit, Veröffentlichungen des Seminars für Sprache und Kultur Chinas an der Hamburgischen Universität. Hamburg: Friederichsen, de Gruyter & Co., 1929. p. 97f.
Eine Krähe die geliebte
Mutter durch den Tod verlor,
Und sie stieß im Klagetone
Immer ihr "kra, kra" hervor.
Nicht am Tage und auch nachts nicht
Flog sie fort von ihrem Horst,
Sondern blieb das ganze Jahr durch
Unentwegt im alten Forst.
Also tönten ihre Klagen
Tag für Tag, die halbe Nacht,
Und gar manchen, der es hörte,
Hat zu Tränen sie gebracht.
Ist es doch, als ob die Stimme
Klagend diese Worte spricht:
"Noch hab' ich die liebevolle
Fütterung vergolten nicht".
Haben nicht die andern Vögel
Eine Mutter so wie du?
Warum bist nur du so traurig,
Daß du jammerst immerzu?
Sicherlich hat deine Mutter
Dich geliebet einst gar sehr;
Das erkläret deinen Kummer;
Deshalb ist dein Schmerz so schwer.
Als vor vielen, vielen Jahren
Starb die Mutter des Wu Tch'i,
Hielt er fern sich dem Begräbnis
Und betrauerte sie nie.
Ach! es gibt auf Erden leider
Leute auch von diesem Schlag.
Menschen ohne Herzensgüte
Stehn sogar den Vögeln nach.
Oh, die Liebe dieser Krähe!
Diese Kräh' so liebereich
Ist an Treue unter allen
Vögeln ganz dem Tsêng-tse gleich!